HG Van Look

Hans-Günther van Look

Hans-Günther van Look (1939-2007) war Maler, Bildhauer und Philosoph. Er hat wie sein Lehrer Georg Meistermann an die hundert Glasfenster für sakrale und profane Bauten geschaffen. Ein Jahr vor seinem Tod beendet er die Arbeit an der Südrosette des Freiburger Münsters. Zuvor hat er dort das berühmte "Edith-Stein-Fenster" realisiert. Die Idee, der zum katholischen Glauben konvertierten Jüdin, die in Ausschwitz ermordet wurde, ein Fenster zu widmen, geht auf den Künstler zurück. Edith Stein, die in Freiburg bei Edmund Husserl promoviert hat, war für ihn Leitfigur im Denken und Handeln.

Seit den 70er Jahren setzt sich van Look kontinuierlich mit dem Phänomen des Raumes und des Lichts in Malerei und Plastik auseinander. Es entstehen "Raumwölbungen" aus Edelstahl und großformatige "Lichthorizonte" auf Leinwand.

Anfang der 80er Jahre verlegt van Look sein Atelier nach Cadaqués in Nordspanien. Das mediterrane Licht und die karge Felsenlandschaft werden zu einer unerschöpflichen Inspirationsquelle. Der Galerist Franco Bombelli macht ihn unter Sammlern in Barcelona bekannt. Seine Malerei wird in Cadaqués, Toulouse, auf der FIAC in Paris und der ARCO in Madrid gezeigt.

In den folgenden Jahren gewinnt die philosophische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Raumes für van Look einen immer größeren Stellenwert. Er fühlt sich wie ein Wissenschaftler, der Grundlagenforschung betreibt, schreibt ein Buch über Cézanne und iniziiert das Projekt "Kunst und Wissenschaft im Dialog". Es folgt 2002 eine Ausstellung in der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft in München und 2004 die Ausstellung "art&fenomen. Philosophie in der Kunst" im Zentrum für Phänomenologische Forschung in Prag.

Van Look hat gemalt und geschrieben, um das Phänomen des Raumes und des Lichts zu ergründen. Aber nicht als Selbstzweck, sondern als utopischer Versuch, das "technische Chaos" zu bändigen und ein Zeichen gegen die Zerstörung ästhetischer Werte zu setzen.

Auf die Frage, warum er Künstler geworden sei, antwortete van Look:"um ästhetischen Widerstand zu leisten - für die Verbesserung unseres Lebensraumes und gegen visuelle und materielle Umweltverschmutzung" (siehe van Looks Straßburger Rede vom 28. September 1975).

 

Text: Dr. Larissa van Look, Juni 2017

Hans-Günther van Look, "Der ästhetische Widerstand – die Verwendung der Symbole in der Kunst", Rede anläßlich der 1. Europäischen Begegnung im Hause des Europarates, Straßburg, den 28. September 1975.

 Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir bitte, mein Thema "Anwendung der Symbole in der Kunst" heute zu erweitern, um diesem Thema von einer anderen Seite her näherzukommen, von der noch viel zu wenig bekannt ist und über die nachzudenken mir noch sehr wichtig erscheint. Heute schon müssen wir frühzeitig in diese Diskussion eintreten, da sie unmittelbar unser Leben selbst angeht. So erlauben Sie mir bitte, folgende Überlegungen anzuschließen.

 In unserer Umwelt werden ununterbrochen ästhetische Wert zerstört. In diesem allgemeinen Zerstörungsprozess wird langsam visuelle Sensibilität betäubt, und dieser Prozess entzieht unserem kreativen Leben immer mehr Lebensraum. Kaum sind wir noch fähig, dem Zauberwort Ökonomie und Technokratie andere Lebenswerte gegenüberzustellen. Wir besitzen kaum eine andere Magie mehr.
 
Auf diesem Hintergrund möchte ich versuchen, Ihren Blick in eine Richtung zu lenken, in der die "Anwendung der Symbole der Kunst" sich mehr denn je zu einem "ästhetischen Widerstand" formieren könnte. Vielleicht könnte dieser "ästhetische Widerstand" unser Leben entscheidend beeinflussen und lebensgerechter werden lassen.
 
Die Träume nach vorn aber sind selten geworden. Der Glaube an eine bessere Zukunft ist erschüttert. In der Resignation des Alltags gehen letzte humane Positionen verloren. Die Menschen verhärten sich im Status quo: ihr Blick vom Glück formt sich nicht mehr an dem, was vor ihnen liegt, sondern an dem, was sie glauben, verloren zu haben. Und so gehen sie vorwärts und haben doch den Blick rückwärts gewandt auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Die Suche nach der verlorenen Zeit glauben sie, rückwärts blickend erkennen zu können. Dabei vergessen sie den Standort ihres "Jetzt", dem sie kaum noch Impulse geben, um Zukünftiges bewältigen zu können. Der Westen huldigte vornehmlich seit dem 19. Jahrhundert einer mythischen Überhöhung seiner Vergangenheit. Und diese rückwärts gewandte bürgerliche Utopie verschmolz sich mit unartikulierten Sehnsüchten und unerfüllbaren Träumen. Aggressive Melancholie vereinte sich mit hermetischer Eingeschlossenheit jener Zeit. Aber die Gebundenheit jenes hermetischen ästhetischen Ausdrucks ist noch heute eine unausgeschöpfte Anfrage an unsere Zeit. Zumindest habe ich selber bis heute noch keine gültige Antwort auf diese Anfrage gefunden.
 
Eugene Ionesco hat dieses aus dem 19. Jahrhundert zu uns herüberreichende ästhetische Unbehagen in seiner aufsehenerregenden Rede, die er in Salzburg zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 1972 gehalten hat, überdeutlich artikuliert; ich zitiere:
 
"Wir wissen seit langem, dass die totalitären Gesellschaften nur die strengsten bürgerlichen Bürokratien der Welt errichtet haben. Und gerade in diese Richtung wenden sich die bürgerlichen Antibürgerlichen, wissentlich oder unwissentlich, ob sie es zugeben wollen oder nicht. Vielleicht weil das westliche Bürgertum weich geworden ist, ziehen sie eine strenge Bourgeoisie mit Funktionären, Polizei und unnachgiebigen Vätern vor. Es ist kein Widerspruch, wenn ich sage, dass die Jugend orientierungslos zwischen dem Wunsch nach Unterwerfung unter eine unverrückbare Ordnung hin- und herschwankt. Wir wissen nicht was wir wollen. Wir verstehen nicht, was uns lenkt. Die irrationalen Kräfte übersteigen unsere Vernunft. Es ist wahrscheinlich, dass wir gleichzeitig mehrere Dinge wollen, selbst wenn diese Dinge einander widersprechen."
 
Ionesco schärft uns den Blick, gleichgültig, wie deprimierend sein Ausblick auch sein mag. Er gibt uns kaum Gelegenheit, Gegenpositionen aufzubauen, zu umfassend ist seine Signalisierung.
 
Faszinierend an diesem infernalen Ausblick Ionescos ist sein sicherer Instinkt, mit dem er Gegenwart analysiert, seine Intervalle in ihr seismographisch bloßlegt. Indem er den Lebensnerv des Sittlichen in der Gemeinschaft entscheidend trifft und die Auflösung der Erfahrenswerte signalisiert, trifft er im selben Augenblick auch die Handlungsweise unseres Tuns, und zwar wiederum ganz entscheidend. Gekonnt lässt er die Sichthorizonte in uns immer mehr erblinden, denn zum Schluss seines Vortrages sagt er mit alle Überdeutlichkeit, ich zitiere:
 
"Offensichtlich ist die Sehnsucht nach Freiheit in Wirklichkeit nur mehr der Wunsch nach Unterwerfung. Der Mensch darf nicht mehr Mensch, Mitbürger sein, sondern er muss total und absolut vergesellschaftlicht werden. Sich selbst entfremdet, denaturiert, dass sowohl Seele als auch Person undefinierbar geworden sind. Wenn das Leben schlecht ist, wenn sich die Menschen hassen, wenn man weder sich selbst noch den Nächsten liebt, wenn alles unerträglich ist und die Wissenschaften und die Kulturen auf die wichtigsten Fragen keine Antwort mehr wissen, wenn sie nichts mehr verbessern können und uns an den Rand des Abgrundes gleiten lassen, dann wird der Mensch in der Politik Antwort auf seine Fragen suchen. Wir haben festgestellt, dass die Politik kaum die wesentlichen Bedürfnisse des Menschen befriedigen und eine übertriebene Politisierung eher zu noch größeren Übeln führen kann, als wir sie erleiden oder je erlitten haben. Bald werden es zweihundert Jahre sein, dass man Revolution macht. Revolutionen werden auch weiterhin gemacht, der Mythos der Revolution als Regenerator wird sich noch weiterhin vergrößern, der Großteil der Menschheit wird seine Beute sein, obwohl uns Niederlage und Bankrott der Revolutionen eines anderen belehrt haben."
 
Aber gerade die Richtigkeit seiner Analyse zwingt uns zu produktiver Reaktion, eben zum Aufbau ästhetischen Widerstands gegen den signalisierten Verfall, gegen den von Ionesco durchschauten Hang der Mitbürger zu totaler Vergesellschaftung, denaturierender Entfremdung, zur Politik und ebenso gegen den leer gewordenen Anspruch, der Wissenschaften und der Revolution als schnelle und gründliche Erlösung.
 
Kann sich Europa in seiner geistig-geschichtlichen Form als Kulturzusammenhang noch behaupten und sich im Ganzen seines Wesens verstehen? Oder soll man mit den Worten Immanuel Kants sprechen, der Europa nur noch als den "großen Kirchhof der Menschengattung" sieht, nachdem ihm der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Krieg klargeworden ist? Sollen wir also verzweifeln?
 
Oder was wäre zu tun, wohin sollen wir den Blick richten? Wo ist ein Ausblick? Werfen wir zuerst einen Blick auf die ästhetischen Verfehlungen unserer jüngsten deutschen Vergangenheit. Im Frühsommer 1945 war die künstlerische Produktivität erstaunlich. Das Stigma des erlittenen Grauens machte produktiv. Die Maler und Bildhauer in Deutschland erreichten bald den Anschluss an die Moderne. Die Bildhauer gaben den Ton an. Aber auch für die Architektur schien jetzt die große Stunde gekommen zu sein. Leer gefegtes Terrain lag überall vor. Wie hat sie ihre Chance genutzt? Sie hat die Chance vertan! Dem Zwang zur Wohn- und Arbeitsbeschaffung fielen hervorragende Pläne für eine Stadterneuerung schon frühzeitig zum Opfer. Die großartigen Gedanken Max Tauts zum Wiederaufbau Berlins als einer Weltstadt in ungewöhnlich schöner landschaftlicher Lage, mit Trennung von Geschäftszentren und Wohnoasen, wurden einfach fallen gelassen. Hans Scharoun, der von der sowjetischen Kommandantur als Leiter der Abteilung Bau- und Wohnwesen von Groß-Berlin ernannt wurde, legte 1946 resigniert sein Amt nieder, als er sehen musste, dass die Ausstellung "Berlin plant - erster Bericht" kaum Beachtung bei den Verantwortlichen fand. In Westdeutschland war der architektonische Schwung mit ein paar guten Bauten von Egon Eiermann, Bernhard Pfau und Hans und Wasiliy Luckhardt schnell erschöpft. Man resignierte überall. Warum? Der Westen opferte sofort eine ästhetisch befriedigende humane Architektur dem magischen Zauberwort Ökonomie, der Osten dem magischen Zauberwort Ideologie.
 
Hier, meine Damen und Herren, hätte sofort verstärkter "ästhetischer Widerstand" einsetzen müssen. Hier hat es an moralischer Kraft gefehlt. Denn jetzt breitete sich die Verödung der Städte schnell aus, gute Architektur wurde im Keim erstickt. Nur wenige Architekten hatten schnell genug erkannt, wie wichtig schon damals unser Lebensraum gewesen ist, sie wurden frühzeitig totgeschwiegen, und selbst heute werden sie kaum gehört.
 
Kann denn aber die Architektur heute noch humanisierende Symbole ersetzen? Oder ist der Zwang des Rechtecks so stark, so dominierend, dass widerspruchslos alles der ökonomischen Funktion geopfert wird? Könnte Ronchamps ein Symbol von Architektur sein, oder das Rathaus von Bensberg von Gottfried Böhm, oder vielleicht die Oper von Sidney? Kann die Architektur heute neben ihrer technischen und baukünstlerischen Aufgabe Zeichen einsetzen, also Symbole, die der klare Ausdruck unserer Zeit sind? Oder begreift sich die Architektur nur noch als Vollstreckerin ökonomischer Forderung nach Funktionalität? Wird unser kostbarer Lebensraum von der Architektur nicht ad absurdum geführt? Unsere gesichtslose Zeit muss diese anstehenden Fragen der Umweltgestaltung, die Fragen der Raumordnung endlich als die wichtigste aller Fragen erkennen und klare Formulierungen finden.
 
Tatsächlich ist dem Raum ein seelischer Wert von allerhöchstem Rang zuzusprechen, weil wir, mit Heidegger, den Raum als "einräumenden Raum", als "raumgebenden Raum" begreifen, der dem Menschen sein In-der-Welt-Sein einräumt. Und diesen unseren Raum müssen wir mit aller Kraft gegen die Priorität der zerstörerischen Funktion verteidigen.
 
Unsere Erde steht im Zeichen der Wachstumsideologie. Die Lebensbereiche des Menschen verdichten sich fortwährend. Wer von den Alpen ans Mittelmeer hinunterfliegt, hat die Verknöcherung, Verknorpelung, Verschmutzung der Landschaft exemplarisch vor Augen. Das Mittelmeer ist zu einem Kadaver geworden, dessen Eingeweide über die zerstörten Ufer hängen. Und wie dort - so überall. Die Zerstörung des Lebensraumes dringt vom Landesinneren fort. Wir können unseren Raum nicht mehr beliebig vermehren, wenn er verbaut und verbraucht ist. Wohl wissen wir das alles, doch Konsequenzen ziehen die wenigsten von uns. Appelle werden kaum wahrgenommen, die sich für eine vorausschauende Umweltpolitik einsetzen, und schon wieder taucht Angst und Pessimismus auf, und Beklemmung verdunkelt unsere Zukunftsperspektiven. Kaum haben wir Anlass zur Hoffnung, da Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit zu unseren liebsten Gewohnheiten werden.
 
Es wundert auch nicht, dass Ionescos Ausblicke voll Dunkelheit und negativer Symbole sind. Die Bereiche des Visuellen zeichnet er mit aller Hässlichkeit. Übersetzen wir es auf die maßlose Veränderung von Landschaft und Städten, erkennen wir die Schnelligkeit, mit der sich alles vollzieht und immer neue Hässlichkeiten nach sich zieht. Es scheint fast so, dass Hässlichkeit zum Schicksal unserer Zukunft wird.
 
Wir müssen den Mangel an Gestaltung, an Gliederung, an Räumlichkeit, an Proportionierung wieder lernen auszugleichen. Wir müssen wieder Beziehung und Zusammenhang erkennen. Die Diktatur der ökonomischen und funktionellen Maßstäbe darf nicht unserer ästhetischen Formulierung mit Missachtung und Geringschätzung begegnen. Die Technokratie sollte endlich wissen, dass die Formen, die Symbole zu allererst über das Auge erfahren und erkannt werden, und sie muss wissen, dass die Fragen der Gestaltung die Frage der Gestaltung unseres Lebens selbst ist. Weil aber diese Mitverantwortung nicht ernst genommen wurde, wurde die materielle Umweltverschmutzung auch zur visuellen Umweltverschmutzung. Visuelle Umweltverschmutzung ist zugleich materieller Umweltschmutz. Diese Verbindung muss ins Allgemeinbewusstsein eindringen und von ihm mittels des "ästhetischen Widerstands" mitgetragen werden.
 
Kann der Künstler heute genug "ästhetischen Widerstand" aufbringen? Sind seine Symbole stark genug? Ich behaupte: ja! Wenn sich Architektur, Bildhauerei, Malerei integrieren, könnte ein großes visuelles Gleichgewicht entstehen, das, getragen durch seine "ästhetische Formulierung", einen sicheren Ausgleich zur Ökonomie und Technokratie hin bedeuten würde.
 
Doch brauchen die Künstler Hilfe von außen, in hohem Maße von den Politikern, von der Gesellschaft. Sie muss spüren, dass es zu ihrer vornehmsten Aufgabe gehören sollte, ihre Umwelt anschauungswürdig zu gestalten. Und die Gesellschaft braucht den Künstler um so mehr, weil er durch seine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit Harmonien erspürt und erschafft, die er selbst wieder in die Gesellschaft zurückfließen lässt. Diese gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit im Sehen, Fühlen, Hören verleiht unschätzbaren Wert, weil sie gegen tausend Hässlichkeiten in unserem Leben ankämpft.
 
Deshalb muss die Form des "ästhetischen Widerstands" jetzt auch die Umweltpolitik Europas mit beeinflussen. Die Umweltgestaltung muss zu einem Politikum ersten Ranges werden.
 
Wir wissen aber alle auch, dass bis jetzt die Regierungen und ihre politischen Organe die Frage nach dem visuellen Umweltschutz, die Frage nach der Umweltgestaltung kaum ernsthaft diskutiert haben. Deswegen stelle ich in Strasbourg die Frage nach möglichen Formen des visuellen Umweltschutzes, die Frage nach der Umweltgestaltung und die Frage eines "ästhetischen Widerstandes", besonders zur Diskussion.
 
Wir haben bisher von "ästhetischem Widerstandes" gesprochen, wir haben von seiner Notwendigkeit geredet, nun ist es an der Zeit, unsere Forderung konkret vorzutragen:
 
  1. Ich definiere "ästhetischen Widerstand" als die künstlerische Bändigung, Ordnung des zutageliegenden Chaos. Die früheren Jahrhunderte sahen den Künstler im Ringen gegen das naturgegebene Chaos. Der Künstler des 20. Jahrhunderts hat nunmehr die Aufgabe, das aus der Überwindung der Natur produzierte technische Chaos zu bändigen. Das Beiseiteräumen des technischen Schutts, ja, schon das "Ins-Bewußtstein-Rufen" des Schutts der Technik ist ein Akt künstlerischer Ordnung. Die scheinbare Reduktion der künstlerischen Form ist in Wahrheit die übermenschliche Anstrengung, dem unaufhörlichen Anfall technischer Schuttberge standzuhalten und dagegen in der eigenen Schöpfung aufzubegehren. Dadurch gerät er Künstler heute mehr als in allen früheren Jahrhunderten in die Stellung eines religiösen Schöpfers. Wo früher Gott das Chaos bändigte, führt heute der Künstler seinen sisyphosartigen Kampf gegen die Erde als eine Erde des Mülls. Würde die Öffentlichkeit diesen Sisyphoskampf begreifen, so hätte der Künstler jene überragende Position für die öffentliche Entscheidung gewonnen, nach der er bis heute vergebens verlangt hat. Ich fordere also die Gesellschaft auf, den Künstler als moralischen und religiösen Werkmeister begreifen zu lernen, wobei ich unter Religion das verstehe, was uns alle zutiefst angeht.
 
  1. Durch diese Einsicht in die Rolle des Künstlers, der dem geistigen Organismus der Gesellschaft den notwendigen Sauerstoff produziert, durchbrechen wir die hermetisch rückwärts gewandten Anfragen des 19. Jahrhunderts. Wir brauchen mit Wagner keinen germanischen Kultus mehr, sondern wir schaffen als Künstler den Kultus des nackten Überlebens der gesamten Menschheit.
 
  1. Aus Position 1 und 2 ergibt sich die Forderung nach dem Grundsatz des Ästhetischen über den ästhetischen Geschmack jedweder Demokratie. Demokratische Abstimmung kann den Rang des Ästhetischen niemals bestimmen. Der Grundsatz des Ästhetischen muss also institutionalisiert werden.
 
Darauf folgt 4. die Forderung für die Bundesrepublik Deutschland entsprechend für alle anderen Länder: dem Bundestag und dem Bundesrat ist ein mit Vollmachten ausgestattetes Künstlerorgan zur Seite zu stellen und ebenso eine Umbesetzung und Erweiterung der technischen Rathäuser und der Kultusministerien zu verlangen. Denn ein Jurist oder Technokrat ist kein Garant für die Durchsetzung ästhetischer Forderungen und ästhetischer Produktionen.
 
Aus dem folgt 5. dass die ideologisierte Definition des Nutzens für die Nation durch eine ästhetische Definition des Überlebens der Nation durch ästhetische Produktion abzulösen ist. Nicht die ökonomische oder die politische Revolution ist das Gebot der Stunde, sondern die Ästhetische Revolution, denn dort wo sich die ästhetische Revolution verwirklicht, sind die beiden erstgenannten schon immer mitvollzogen. Sie würde dann auch auf die vitalen Lebensinteressen der Nation einwirken und würde dann auf den Grundsatz einer neuen sittlichen Wertordnung hinführen, die ein Beitrag zu stattsbürgerlichen Mitverantwortung von jedem einzelnen von uns bedeuten könnte. Aus dieser neuen Qualität würde sich eine zukünftige europäische Lebensform entwickeln, die Europa wieder im Gesamtzusammenhang sehen könnte.
 
Zum Schluss meiner Ausführungen möchte ich sie noch auf die tragischen Menschenbilder des englischen Malers Francis Bacon hinweisen, dessen verborgene Schönheiten mich an einen Vortrag von Carl Friedrich von Weizäcker über "Die geheime Wirklichkeit des Schönen" denken läßt, in der er über die Schönheit folgendes ausführt, ich zitiere: "Die Schönheit ist eine Form der Wahrheit ... (ist) eine Erscheinungsweise des Guten in direkter Mitwahrnehmung". Zitatende.
 
Auch würden wir dann in den staubzarten Skulpturen des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti jene Menschenwürde erkennen, von der wir nicht wissen, woher sie kommt, noch wissen wohin sie geht, von der wir nur wissen, dass sie aus immanenten Räumen auf uns zuschreitet, und uns zwingt, stehen zu bleiben, um unseren geschichtlichen Ort zu suchen.
 
Ich danke Ihnen.